ErdBlog
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Heroine
  by lobotommy   4 / 2019
In meinem Kopf ist alles merkwürdig aufgeräumt heute. Kurz bevor das Klingeln ertönt, sichere ich den Alarm des Weckers und strecke ausgiebig, ja fast verschwenderisch, meine Glieder. Danach muß ich sofort auf die Toilette eine Ladung Kirschkerne loswerden. Ich steige direkt vom Toilettensitz in die Duschkabine und seife mich von oben bis unten ein. Bei Heißwasserregen denke ich an Prinz William, in Sportlerpose, beim Reiten, wie er seine Frau schlägt. Hochgewachsen steht er über ihr, zwingt sie zu Boden. Mit diabolischem Prinz-Harry-Lächeln überwacht das Windsor-Kind die Szenerie. Den Waschlappen lege ich besser beiseite. Es ist sowieso schon spät, wenn ich mir noch die Haare einfärben, ein paar Beine machen will.

Die grünen Socken zu dem grünen Oberteil, das meine Brüste so schön zur Geltung bringt, wo ich doch einen eher kleinen Arsch habe. Wozu der gut ist? Trotzdem verhilft mir das Verhältnis großer Busen, kleines Hinterteil zu unbeständigem Selbstvertrauen, das mir mit dem Mangel an Garderobe abhanden kommt.

Gestern war der erste richtige Tag. Im Bad war alles ganz hell erleuchtet, ich habe mit meinen Haaren gekämpft. Im Glitzerlicht der hereinfallenden Strahlen wirkten sie wie vertrocknetes Stroh. Aber die Sonne war nicht schuld an meinem trockenen, dünnen Haar. Gäbe es nur dich und mich, Sonne!, du dürftest mir die Haare sehr heiß schneiden. Ich nehme schon wieder ein anderes Shampoo. Vielleicht liegt es daran. Oder es ist mein Alter. Ich habe schon immer so ausgesehen. Nächstes Jahr werde ich einunddreißig. Auf Fotos wirke ich manchmal jünger. Die Haare habe ich von meinem Vater. Schlechtes genetisches Material. Benutze ein spezielles Naturprodukt. Was meinst Du, Vater? Ich will es aufschreiben, aber die Sonne macht es unmöglich. Wasser? Ist es das, Vater? Der Kuli zerläuft mir auf der knisterndheißen Oberfläche meiner Haare, wie Öl auf explodierendem Pergament.

Was ist mit meiner Stimme los? Sie ist kleiner geworden, irgendwie unscheinbar. Eine normalgroße Frau wird auf einer Leiter stehend von einem Riesen gefickt. Ich kann nichts Ungewöhnliches daran finden. Im Studio hat Manuel gefragt, ob er verstehe, was ich sage. Ich fands richtig süß. Wir haben uns beiläufig getroffen. Eine Beziehung.

Auch weiter ausgedehnte Menschen senken den Kopf beim Sprechen. Aus Scham, nicht weil sie es wollen.

Wichtig ist, dass ich jetzt endlich aufstehe. Halb sieben. Wenn ich nicht vor dem Klingeln aufwache, habe ich verpennt.

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